Kann man einen toxisch anmutenden Beginn noch wenden?
Antwort auf eine Leserinnenfrage
Eine Leserin aus meinem Newsletter, dem Inner Circle, hat hat mir eine Frage gestellt:
„Führt ein toxisch anmutender Beginn automatisch in eine solche Beziehung – oder kann man das noch wenden?“
Steffi (Name geändert)
Der Hintergrund ihrer Frage:
Monatelanges intensives Flirten mit einem Kollegen. Ein Treffen in der Gruppe, das sich ganz wunderbar angefühlt hat. Und gleichzeitig ein ständiges Auf und Ab: liebevolle Worte und Gesten, dann wieder verletzende Aussagen, plötzliche Absagen von Treffen, die er selbst vorgeschlagen hatte.
Er spricht von Zukunft, aber auch von toxischer Beziehung. Und sie hofft, dass es sich doch noch irgendwie zum Guten wendet.
Vor allem, weil sie sich selten im Leben so stark zu einem Mann hingezogen gefühlt hat.
Und vielleicht denkst du beim Lesen schon: Ja… das kenne ich.
Du erfährst hier:
„Oh, ein Seductive Withholder.“
Das erste Wort, das mir beim Lesen von Steffis Nachricht in den Sinn kam, war tatsächlich:
Seductive Withholder.
Die Amerikaner haben für viele Verhaltensweisen eigene Begriffe, für die wir im Deutschen kein richtiges Pendant haben. Übersetzt heißt das in etwa: verführerischer Zurückhalter.
Ein Seductive Withholder ist meist sehr charmant, zugewandt, aufmerksam. Gefühlt ist er ganz da – was schnell zu einer starken emotionalen (und oft auch sexuellen) Anziehung führt.
Und dann, sobald es einen Schritt nach vorne bräuchte (so wie es in einer gesunden Anfangsdynamik normal wäre) kommt der Rückzug. In Steffis Fall sogar in Form von verletzenden Worten.
Das ist die typische Heiß-Kalt-Dynamik: Heranziehen – wegstoßen. Push-and-pull.
Der Anfang ist kein Zufall – sondern sein Beziehungsklima
Für den Seductive Withholder ist genau dieses Hin und Her das Klima, in dem er sich wohlfühlt.
Er genießt es, sich begehrenswert, attraktiv und besonders zu fühlen. Ohne gleichzeitig wirklich Verantwortung übernehmen oder sich verbindlich einlassen zu müssen.
Dahinter steckt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein vermeidender Bindungsstil. Also alte Beziehungserfahrungen, in denen Nähe mit Stress, Vereinnahmung oder sogar Gefahr verknüpft wurde.
Das Problem: Dieses Muster wirkt auf der anderen Seite extrem stark.
Warum du dich immer tiefer verstrickst
Was diese Dynamik mit dir macht, lässt sich sehr gut mit dem Begriff der intermittierenden Verstärkung erklären.
Deine Gedanken kreisen. Du landest immer wieder in Fantasien darüber, wie es mit ihm sein könnte. Und diese Fantasien werden von ihm auch noch gefüttert – durch Zukunftsandeutungen, Nähe, besondere Momente.
Ich vergleiche das gern mit einer Fata Morgana in der Wüste:
In der Ferne siehst du eine Oase. Wasser, saftige Früchte, kühlender Schatten. Geborgenheit.
Doch sobald du näherkommst, ist da nur Sand.
Willst du umkehren, taucht an einer anderen Stelle die nächste vermeintliche Oase auf. Wieder Hoffnung. Wieder Unwiderstehlich. Und wieder nichts.
Der Anfang zeigt, wie sich jemand bindet
Was ganz wichtig ist und das sage ich auch immer wieder im Singlecoaching:
Der Anfang einer Verbindung ist kein Zufall.
Am Start siehst du:
- wie jemand kommuniziert
- wie er mit Nähe und Distanz umgeht
- ob er Verantwortung übernehmen kann
- wie verlässlich und feinfühlig er ist
Das ändert sich nicht plötzlich.
Nicht, weil Menschen sich grundsätzlich nicht verändern könnten (dann würde ich meinen Job ja gar nicht machen) sondern weil die meisten es nicht tun, wenn sie nicht müssen.
Hoffnung, Geduld und „richtiges Verhalten“ verändern nichts
Ein Mann, der:
- Zukunft verspricht, aber Treffen absagt
- liebevoll ist und gleichzeitig verletzend
- Nähe sucht, aber Verantwortung vermeidet
- von toxisch spricht, ohne etwas zu verändern
zeigt sehr deutlich: Sein Bindungssystem ist dysreguliert.
Da sind Ambivalenz und Vermeidung am Werk.
Und das ändert sich nicht durch dein Verständnis, deine Geduld, dein Hoffen oder dein „richtiges Verhalten“.
Diese Dynamik verändert sich nur, wenn er selbst erkennt, dass sein Verhalten andere verletzt und wenn er selbst bereit ist, daran zu arbeiten.
Und ganz ehrlich: In den meisten Fällen passiert das nicht. Stattdessen wird die Dynamik mit der Zeit schmerzhafter.
Auf Sand kann man nichts Stabiles bauen
Auf einer wackeligen Basis entsteht keine stabile Beziehung.
Du kannst dir das vorstellen wie ein Fundament aus Sand: Egal, wie schön die Steine sind, die du oben draufsetzt – es kann nicht halten.
Du bekommst gerade schon alles zu sehen, wie eine Beziehung mit diesem Mann wirklich ist.
Nicht irgendwann.
Nicht später.
Sondern jetzt.
Was dir jetzt helfen kann
Ein paar ganz konkrete Impulse:
- Erwische dich, wenn du in Fantasien über „wie es sein könnte“ abgleitest und hol dich bewusst ins Hier und Jetzt zurück. Ist er gerade wirklich für dich da – ja oder nein?
- Mach dir klar: Mit diesem Mann bekommst du immer beides. Die schönen Momente und die Verletzungen, Rückzüge und Unverbindlichkeit. Das ist das Gesamtpaket.
- Frag dich ehrlich: Ist das – als Ganzes – wirklich ein Traummann für mich?
Single und trotzdem innerlich gebunden?
Gerade in der Kennenlernphase kann Nähe entstehen, lange bevor es ein klares „Wir“ gibt. Wenn dich ein Mann gleichzeitig anzieht und verunsichert, geht es nicht darum, dich zu optimieren – sondern darum, Orientierung, innere Sicherheit und Klarheit zu finden.
Dein Schmerz als Einladung zum Wachstum
Solche Begegnungen sind oft unglaublich schmerzhaft. Und gleichzeitig bringen sie uns nicht selten in ein tiefes inneres Wachstum.
Vielleicht gerade deshalb, weil sie so weh tun.
Sie können eine Einladung sein:
- noch klarer zu werden, was du willst
- deine Grenzen besser zu spüren
- Schritt für Schritt mehr für deine Bedürfnisse einzustehen
- und immer mehr bei dir zu bleiben
Ich danke Steffi sehr für ihre Offenheit, weil ich glaube, dass ihre Frage vielen anderen Frauen aus dem Herzen spricht. Deshalb habe ich die Antwort nicht nur als Sprachnachricht in meinem Newsletter versendet, sondern hier auch verbloggt.
Und wenn auch du eine Situation hast, zu der du dir Klarheit wünschst: Du kannst mir jederzeit anonym schreiben. Trag dich unten in den Inner Circle ein und du bekommst den Link zum Fragenformular.
Alles Liebe
Joleen
Joleen Böhmert
Beziehungscoach für Frauen
Seit 2021 begleite ich Frauen auf dem Weg aus emotionaler Abhängigkeit, toxischen Dynamiken und On-Off-Beziehungen hin zu mehr innerer Ruhe und gesunden Beziehungen.
Ich habe eine zertifizierte Coaching-Ausbildung (Life Coach, Greator) absolviert und mich traumaachtsam weitergebildet mit Schwerpunkt Nervensystem, Bindung und innere Anteile.
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